Homepage von Dr. Viktor Krieger

 

Kommt die „Wiedergeburt“ zu spät?

Auch in Kasachstan wollen nur wenige Deutsche bleiben

Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Unrechtssystems hat sich die Lage der Deutschen in Kasachstan wesentlich verändert. Anstelle früherer staatlicher Unterdrückung ist eine, wenn auch sehr zaghafte, Wiedergutmachung eingetreten. Der vor fünf Jahren gegründete Rat der Deutschen in Kasachstan wird von den amtlichen Stellen heute als Interessenvertretung der Volksgruppe anerkannt. Die lange Zeit undenkbare Zusammenarbeit Kasachstans mit bundesdeutschen Behörden und Organisationen in Bezug auf kulturelle und sprachliche Bedürfnisse der Rußlanddeutschen wird allmählich Routine. Ende 1993 wurde das staatliche „Programm zur ethnischen Wiedergeburt der Deutschen in der Republik Kasachstan“ aufgenommen.

 Dennoch reisten seit der Unabhängigkeit im Dezember 1991 aus Kasachstan jährlich etwa 120 000 Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland aus. Hochgestellte kasachische Politiker bedauern öffentlich die Auswanderung der Deutschen, namhafte Publizisten apellieren: „Brüder, verlasst uns nicht“. Selbst Präsident Nasarbaew lobt „seine“ Deutschen als zuverlässige und kaum ersetzbare Fach- und Arbeitskräfte. Die Massenemigration konnten diese Appelle dennoch nicht aufhalten.

Was treibt die Nachkommen der einst im 18. und 19. Jahrhundert ins Russische Reich ausgewanderten deutschen Bauern, ihre hübschen Häuser, vertraute Nachbarschaft und die Weite der Steppen zu verlassen und in die übervölkerte, von wirtschaftlichen Problemen und Zukunftsängsten geplagte Bundesrepublik zu gehen? Ohne das Schicksal der Rußlanddeutschen während der Sowjetzeit zu kennen, kann man diesen Drang kaum verstehen.

Von Stalin deportiert…

Dem totalitären Regime Josef Stalins schien das dünnbesiedelte Territorium der Republik Kasachstan (1) ein idealer Verbannungsort für vermeintliche „Volksfeinde und Schädlinge“ zu sein. Da es unter den Rußlanddeutschen eine wohlhabende Bauernschicht gab und sie als tiefgläubige Leute galten, wurden sie schon in den 20er und 30er Jahren infolge zahlreicher Enteignungs- und Säuberungsmaßnahmen zu Zehntausenden nach Kasachstan zwangsumgesiedelt und in die berüchtigten GULAG - Straflager gesperrt. Aus Protest gegen die Zwangskollektivierung kam es unter den Deutschen 1929/30 zu einer Ausreisewelle, die von den Sicherheitsorganen jedoch brutal erstickt wurde.

 Der deutsche Überfall 1941 auf die Sowjetunion bot eine gute Gelegenheit zur kollektiven Bestrafung eines Volkes, das dem kommunistischen Regime nicht loyal genug erschien. Bis zum 1. Januar 1942 betrug die Zahl der deportierten deutschen „Umsiedler“ allein in Kasachstan 385 800 Personen. Sie wurden über das riesige Land verstreut. In den Kohlengruben von Karaganda und Kupferminen am Balchasch-See, auf den Weizenfeldern des Neulandgebiets im Norden oder auf den Baumwoll- und Zuckerrübenplantagen im Süden - überall wurden die deportierten Deutschen wie Staatsfeinde und Vaterlandsverräter behandelt.

…und nur halbherzig rehabilitiert

Nach der Aufhebung der Sondersiedlungen seit Mitte der 50er Jahre und der Entlassung aus den Arbeitslagern wurde den Deutschen die Rückkehr in die Heimatorte an der Wolga, in der Ukraine, in die Großstädte wie Moskau, St. Petersburg oder Saratow verboten. Deshalb strömten viele Tausende von ihnen aus dem Hohen Norden, dem Ural und Sibirien nach Kasachstan, wo sie sich ein erträgliches Klima, die Nähe von Verwandten und Landsleuten sowie Beschäftigung in der Landwirtschaft erhofften. 1989 sollten in Kasachstan rund 957 000 gezählt werden.

Die staatliche Propaganda und die nur halbherzigen Rehabilitierungsinitiativen seit Mitte der 50er Jahre hatten zu Folge, daß die anderen Völker den Rußlanddeutschen oft mit Mißtrauen und Vorurteilen begegneten und sie als Faschisten beschimpften. Ihre Rechtlosigkeit wurde zwar nicht von allen, aber doch von vielen in ihrer Umgebung - Kollegen, Nachbarn, Bekannten und vor allem von Vorgesetzten - mißbraucht.

 Mit einer Politik „Teile und Herrsche“ versuchte die Sowjetmacht gezielt, die Nationalitäten gegeneinander auszuspielen. Nur so kann man den Versuch bewerten, in Nordkasachstan ein deutsches Autonomiegebiet zu gründen. Denn weder die deutsche noch die kasachische Öffentlichkeit wurde gefragt, ob sie mit einer derartigen Lösung der „deutschen Frage“ einverstanden wären. Die Massenkundgebungen im Juni 1979 mit Spruchbändern wie „Denkt an die 20 Millionen Kriegsopfer“ oder „Kasachstan den Kasachen“ in Zelinograd (Akmola) und anderen Orten wie die darauffolgende unterschwellige Empörung im Lande haben das Verhältnis zwischen den beiden Völkern sehr belastet.

 Ein halbes Jahrhundert lang blieben die Deutschen in Kasachstan eine entrechtete Volksgruppe: Sie waren ihrer territorialen Autonomie und ihrer früheren Siedlungsorten beraubt und hinsichtlich nationaler Kultur und Sprache unterdrückt. Sie hatten kaum Zugang zu den Hochschulen und nur geringe Chancen zu sozialem Aufstieg. Nicht von ungefähr sind die Deutschen, was ihr Anteil an akademischen Berufen oder an Führungskräften betrifft, bis Heute ein Schlußlicht unter über 80 Nationalitäten der Republik. Unter Wissenschaftlern und Hochschulprofessoren, Anwälten und höheren Beamten waren sie kaum vertreten, dagegen überdurchschnittlich unter Bauarbeitern, Traktoristen oder Melkerinnen. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß nach der Volkszählung 1926 die Deutschen eine der gebildesten Volksgruppe nicht nur in Kasachstan, sondern auch in der ganzen Sowjetunion war, ist die intellektuelle Rückentwicklung offensichtlich.

 Unter solchen Bedingungen fühlten sich die Deutschen mit Recht vom Staat verraten. Die meisten konnten sich mit solch einer diskriminierenden Lage nicht abfinden. Sie suchten innere Zuflucht in den kirchlichen Gemeinschaften oder beantragten eine Auswanderungserlaubnis. Doch in der Sowjetunion wurden Gläubige und Ausreisewillige zusätzlichen Repressalien ausgesetzt.

 Der Machtantritt von Gorbatschow ließ die Deutschen zunächst auf eine vollständige Rehabilitierung hoffen. Doch die materielle Entschädigung für das 1941 bei der Deportation konfiszierte Eigentum ist ausgeblieben, wer wie die Deutschen „nur“ in die Arbeitsarmee mobilisiert wurde, ist gegenüber den anderen Kriegsteilnehmern benachteiligt. Auch wird die Rückkehr in die alten Siedlungsgebiete – etwa an der Wolga – vom Staat nicht unterstützt. Als am 1. Januar 1987 ein neues Gesetz über die Ein- und Ausreise in Kraft trat, das die Familienzusammenführung wesentlich erleichterte, löste es eine Massenabwanderung nach Deutschland aus.

Kasachischer Nationalismus

Die nationale Erweckung schon zur Zeit der Perestrojka hat auch Kasachstan erfaßt. Jahrzehntelang war die kasachische Kultur und Sprache gegenüber der russischen benachteiligt worden. Das Gesetz „Über die Sprachen“ vom 22. September 1989 erklärte das Kasachische zur Staatssprache und schif damit die Grundlagen seiner Weiterentwicklung. Von den Deutschen jedoch beherrschten nur 0,6 Prozent die kasachische Sprache, was zunehmend ihr berufliches und gesellschaftliches Fortkommen einschränkte. Ihre deutsche Muttersprache wurde noch mehr an den Rand gedrängt.

 Nach dem Erlangen der Unabhängigkeit sind auch in Kasachstan die für alle ehemaligen Sowjetrepubliken typischen Erscheinungen des „Titularnationalismus“ zutage getreten: Die nicht-kasachischen Ethnien wurden aus Verwaltung und Wissenschaft, aus dem Bildungs- und Gesundheitswesen, aus prestigeträchtigen Berufen und aus den Führungsschichten der staatlichen Unternehmen verdrängt. Diese mehr oder weniger deutlich zu Tage tretende Tendenz richtete sich diesmal nicht ausschließlich gegen die Rußlanddeutschen, sondern insgesamt gegen nichttitulare Bevölkerungsgruppen.

 Die Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft, hat alle Bewohner Kasachstans schwer getroffen. Hunderte von Betrieben liegen still, die verdeckte Arbeitslosigkeit beträgt nach einigen Schätzungen 30% der Erwerbstätigen, die Lohn- und Rentenauszahlungen erfolgen mit mehrmonatiger Verspätung. Das Bruttoinlandsprodukt ist auf etwa 40% des Niveaus von 1990 zurückgefallen. 1995 lag der Durchschnittslohn in der Industrie bei 60 US-Dollar, in der Landwirtschaft bei etwa 30 US-Dollar, die Durchschnittsrente betrug etwa 20 US-Dollar.

Deutschland bleibt attraktiv

Da fast jede deutsche Familie nahe Verwandte in Deutschland hat, wächst bei den Verbliebenen die Kluft zwischen den Möglichkeiten in Kasachstan und in der Bundesrepublik. Die Rußlanddeutschen rühmen sich selbst, tüchtig und fleißig zu arbeiten. Trotz langjähriger Diskriminierung waren sie in materieller Hinsicht dank ihres Arbeitsdrangs durchschnittlich besser gestellt als die anderen Nationalitäten. Aber der Vergleich, was dieselbe harte Arbeit hier und was sie dort im Resultat erbringt, beeindruckt die praktisch veranlagten Menschen zutiefst und festigt ihre Entschluß auszuwandern (2).

Die übelsten Zeiten der Deportation und der Arbeitslager, die umfassende Diskriminierung und die täglichen Erniedrigungen sind für die Rußlanddeutschen endgültig vorbei. Für einige ist Kasachstan zur Heimat geworden. Für andere bleibt dieses Land mit einer schlimmen Vergangenheit und ungewissen Zukunft behaftet. Wichtig ist, daß diese oft geschundene nationale Gruppe endlich selbst in Ruhe über ihr eigenes Schicksal entscheiden kann.

Aus: Pogrom – bedrohte Völker 190, August/September 1996, S. 27-28
 

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 1. 1995 lebten auf den 2,7 Mio. km² Gesamtfläche nur 16,5 Mio. Einwohner.

 2. Nach Angaben des kasachischen Staatskomitees für Statistik vom 17.8.1996 sind zwei Drittel der Deutschen aus Kasachstan weggezogen, so daß jetzt nur noch ca. 370 000 dort leben (OMRI-Itartass)