Russlanddeutsche Geschichte in der Kontroverse 1986-91
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Auch den ökonomischen Faktor beachten!

 

I.

Mit großer Genugtuung las ich den in der Zeitung “Selskaja Shisn" vom 6. September 1988 und in der ,, Freundschaft" vom 10 September 1988 veröffentlichten Artikel “Die bitteren Äpfel von. 1941" von W. Saweljew sowie die ersten Pressestimmen in der “Freundschaft" vom 23. September 1988. Es ist erfreulich, daß unter allen diesen in der Zeitung veröffentlichten Stellungnahmen nur eine gegen die Autonomie war; dafür sprachen sich die Schriftsteller Herold Belger, Alexander Hasselbach, der Verdiente Trainer der UdSSR Eduard Eurich, Karl Blatz - Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei Kasachstans - und viele andere aus.

Zweifellos ist die Autonomie die beste unter den realen Garantien der nationalen Bürgergleichheit des Volkes. Nicht umsonst haben die Mehrheit der Völker unseres Landes, die sogar nur wenige Zehntausende Personen zählen, ihre nationale Selbstverwaltung in irgendeiner Form. Sehlagen Sie mal einem dieser Völker vor, sich von seiner Staatlichkeit loszusagen, versuchen Sie mal, sie zu überzeugen, daß sie in diesem Fall gleichberechtigt bleiben, Genosse Dyck! Am Beispiel der Ereignisse um Nagorny Kairabach kann man sehen, daß nicht einmal die Autonomie die Fragen der nationalen Gleichberechtigung immer zu lösen vermag. Und was kann man da schon von denen sagen, die überhaupt keine nationale Staatlichkeit haben oder sie infolge der stalinschen Willkür eingebüßt halben?

 

II.

 

Heute stehen die Fragen der nationalen Entwicklung so scharf wie nie zuvor. Weltbekannt ist zum Beispiel die Situation, die in Estland entstanden ist. Eine ausführliche Information über die an der Republik bestehende neue gesellschaftilich-politlsche Situation liefert das Interview des Sekretärs des ZK der Kommunistischen Partei Estlands I. Toome für die Zeitschrift ,,0gonjok" [1988], Nr. 28. Wir erfahren von der komplilzierten nationalen demographischen Situation in der Republik, darüber, daß 1945 der Anteil der Esten an der Bevölkerungszahl der Republik 97 Prozent betrug, heute aber etwa 60 Prozent. In manchen Industriezentren überwiegt der Anteil der russischsprechenden Bevölkerung. In Tallinn machen die Esten nur etwa die Hälfte der Einwohner aus; daraus die Schlußfolgerung: ,,All das führte statt zum Internationalismus manchmal zur nationalen Entfremdung, rief bei der Bevölkerung Gespanntheit und Diskomfort hervor: Die Esten fühlen sich nun nacht mehr zu Hause."

So steht die Sache bei den Esten, bei einem Volk, das seine eigene Unionsrepublik, d. h. seinen Staat hat, Bildung in der Muttersprache vom Kindergarten bis zur Universität in Tartu, eine Repulblikakademie der Wissenschaften und Hunderte Wissenschaftler - Doktoren und Akademiemitglieder; Dutzende Zeitungen und Zeitschriften in der Muttersprache; Geschäftsführung in der estnischen Sprache, Funk- und Fernsehsendungen in dieser Sprache fast rund um die Uhr... Diese Aufzählung könnte man fortsetzen. Wie sollen sich da die Sowjetdeutschen fühlen, die von all dem nur Krümel haben, denen man die autonome Republik genommen hat, wo laut Volkszählung von 1939 die Deutschen etwa 60 Prozent der Bevölkerung ausmachten. In all den Nachkriegsjahren ist nicht ein Buch über die Geschichte der Sowjetdeutschen erschienen, das Archiv der ASSRdWD ist für die Forschung bis heute nicht freigegeben.

In einem anderen Interview, das I. Toome der Wochenschrift “Nowoje Wremja" ([1988], Nr. 38) gab, wird die große Bedeutung der Volksfront für die Unterstützung der Umgestaltung hervorgehoben. ,,In der Zeit der Stagnation und des Personenkults war die menschliche Persönlichkeit, waren auch andere moralische Werte der Gesellschaft entwertet, das Nationale im Menschen wurde nivelliert", heißt es im Interview. ,,Heute müssen wir effektive Mittel für die Heilung der Krankheit der 'Nationslosigkelt' finden. Es wurden Beschlüsse des XI. Plenums des ZK der KPE [Kommunistische Partei Estlands] über die Einführung der Staatssprache, des Gesetzes über die Sprachen und die Staatsbürgerschaft der ESSR [Estnische Sozialistische Sowjetrepublik] angenommen. Gerade die Staatlichkeit ist eine zuverlässige Garantie der nationalen Gleichberechtigung, gerade sie muß die gesetzlichen Interessen ihrer Bürger auf Unionsebene verteidigen - in ökonomischer, politischer und kulturelle Hinsicht. Dabei muß sie in erster Linie auf dem Territorium der Republik die vorrangige Entwicklung des Stammvolkes, seiner Sprache, seiner Sitten und Bräuche, Kulturwerte, seiner Lebensweise gewährleisten. All das ist verständlich, all das gehört zur Leninschen Nationalitätenpolitik, zu den Prinzipien des Föderalismus".

Welches Organ vertritt aber heute die Interessen der Sowjetdeutschen? Wo, auf welchem Boden sind uns in unserem Lande reelle Bedingungen für die Entwicklung unseres Volkes, seiner Sprache-  und Kultur gewährleistet?

Gegenwärtig werden in allen Republiken Maßnahmen zur Entwicklung der Sprache der Stammbevölkerung, zur Hebung ihres Statuts und Ihrer funktionalen Möglichkeiten verwirklicht.  Jedoch die Sprache der Sowjetdeutschen bleibt wie auch die Sprache anderer nationaler Minderheiten - eine drittrangige. Unsere Muttersprache bleibt am Rande der gesellschaftlichen Entwicklung, sie ist aus allen Bereichen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens verdrängt. Gerade das ist der Grund für die große Unzufriedenheit der Sowjetdeutschen mit der bestehenden Wirklichkeit und ist eines der Hauptmotive der Emigrationsstimmungen.

 

III.

 

Durch die obigen Ausführungen wird das Problem der Sowjetdeutschen jedoch noch nicht erschöpft. Es hat noch einen Aspekt - den ökonomischen, dem gewöhnlich wenig Beachtung geschenkt wirkt. Noch vor der Revolution war das Wolgagebiet, insbesondere seine Gouvernements Samara und Saratow, Zentren des Weizenanbaus. Die deutschen Kolonisten hatten in den mehr als anderthalb Jahrhunderten das unfruchtbare Ödland in eine blühende Gegend verwandelt. Sie hatten es vermocht, sich den Bedingungen des Trockenklimas des Transwolgagebiets anzupassen und reiche Erfahrungen im unbewässerten Ackerbau in dieser Gegend gesammelt. Nicht von ungefähr war das Autonome Gebiet der Wolgadeutschen schon an den ersten Tagen der Revolution eines der wichtigsten  Lebensmittelzentren der Sowjetrepublik. Dabei machte sein Territorium insgesamt nur etwa 0,1 Prozent und die Bevölkerung nur etwas mehr als 0,3 Prozent im Landesmaßstab aus. Wenn wir uns der Chronik des Lebens W. I. Lenins zuwenden, überzeugen wir uns, daß er in den Jahren 1918 bis 1921 sich Dutzende Male mit Telegrammen an das Gubprodkom [Lebensmittelkomitees eines Gouvernements bzw. Gebiets] der Deutschen Kommune mit den Bitten und Forderungen wandte, Korn, Fleisch und andere Lebensmittel für die konsumierenden Gouvernements Rußlands, insbesondere für Moskau und Petrograd zu schicken. Zu manchen Zeiten deckte das Autonome Gebiet der Wolgadeutschen fünf bis zehn Prozent des Gesamtbedarfs an Getreide der im Ring der feindlichen Fronten kämpfenden jungen Sowjetrepublik. Die Gouvernements Samara und Saratow sowie der Landkreis Pokrowsk wurden von Wladimir Iljitsch mehrmals als wichtige Korn- und Lebensmittelzentren genannt.

Und wie sieht es da heute aus? In den Gebieten Saratow und Wolgograd wurden Milliarden Rubel in die Landwirtschaft investiert, insbesondere für  die Melioration. Und der Effekt? Man hört heute nicht mehr, daß das Transwolgagebiet eine Kornkammer Rußlands sei. Die Erträge der Körnerkulturen schwanken zwischen 8 bis 14 Dezitonnen je Hektar, oft auch zwischen zwei bis fünf Dezitonnen. Wenig produktiv ist auch die Milch- und die Fleischviehzucht. Nicht selten liegen die Melkerträge durchschnittlich je Rayon, Kuh und Jahr bei 2 000 Liter. Es hat sich eine Entvölkerung der Rayons vollzogen, die früher zur ASSRdWD gehörten. Die Bevölkerungszahl ist hier auch heute zwei- bis dreimal geringer als vor dem Krieg. Was aber die Wirtschaftstätigkeit in der autonomen Republik betrifft, so erntete zum Beispiel die Mähdreschenbrigade von Adolf Denning aus Mariental (heute Sowjetskoje) von 575 Hektar Körnerkulturen im Jahr 1935 etwa 8 625 Dezitonnen Korn von nichtbewässerten Flächen (Siehe P. Hermann, H. Gosnitz. “Mariental-Sowjetskoje. Seiten der Geschichte”. Alma-Ata, 1987, S. 109-110, deutsch). Und das war durchaus kein Einzelfall. Eine gewöhnliche Sache waren Milcherträge von 3 000 Liter und mehr je Kuh und Jahr, obgleich es damals in den Farmen keinerlei Mechanisierung gab. Die Melkerin Katharina Grauberger erhielt im Jahr 1937 durchschnittlich 7 000 Liter Milch von jeder Kuh. Man hatte sie für ihre Erfolge mit dem Leninorden ausgezeichnet, zum Mitglied des Zentralen Exekutivkomitees der Republik der Wolgadeutschen und zum Deputierten des Nationalitätensowjets der UdSSR von den Kantons Lysanderhöh, Mariental und Fjodorowka der ASSRdWD gewählt. Bis zuletzt lebte sie, von allen vergessen, im Rayon Tschu, Gebiet Dshambul, und bezog nur zwölf Rubel Rente (Siehe ,,Neues Leben", Moskau, 1988, Nr. 30 vom 20. Juli). Erst in der ganz jüngsten Zeit ist ihre Rentenangelegenheit vom Staat dank dem Eingreifen des ,,NL" verbessert worden.

Die ehemalige Republik war ein Zentrum der verbesserten und der Herdbuchviehzucht. An zahlreiche Gebiete des Landes wurden Rassetiere aus dem Engelser Rassebetrieb geliefert, darunter in den Jahren 1935 und 1936 auch 150 reinrassige Dulten nach Kirgisien und Kasachstan für die Aufbesserung der örtlichen Viehrassen. (Siehe Kwitko, A. S. Etappen der Evolution und der Viehzuchtpraxis in Kirgisien. Frunse, 1981, S. 47 russ.) Die Republik war eine Kornkammer des Landes. In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges hätten die Deutschen ihre Pflicht ebenso erfüllt wie auch im Bürgerkrieg und die Front mit Lebensmitteln versorgt. Wie viele Tausende Menschen im Hinterland und an der Arbeitsfront wären vom Hungertod gerettet worden...

 

IV.

 

Gegenwärtig mangelt es im Transwolgagebiet an Menschen. Auf Anweisung der Übersiedlungsbüros werden dorthin Menschen aus Gebieten angeworben, die reich an Arbeitskräften sind, hauptsächlich aus der Stammbevölikerung Mittelasiens und Kaukasiens - Usbeken, Tadshiken, Kirgisen, Tschetschenen. Die Übersiedlung jeder einzelnen Familie kommt dem Staat auf nicht weniger als 20 000 Rubel zu stehen. Aber diese Menschen, nicht gewohnt an die örtlichen Klimaverhältnisse, an die Wirtschaftstätigkeit und die soziale Umgebung, verlassen nicht selten diese Gegend und fahren fort. Ist so etwas nicht absurd? Die Deutschen wurden nach Kirgisien, Usbekistan, Tadshikistan und Kasachstan ausgesiedelt, und von dort übersiedelt man jetzt Tausende Menschen ins Transwolgagebiet!

Niemand wird an die Wolga fahren, ereilten sich die Gegner der Autonomie, weil sich die Menschen an den neuen Orten sozusagen eingelebt haben. Aber diese ,,Festverwurzelten" können irgendwarum mühelos die 6 000 Kilometer überwinden, wenn sie in die DDR oder in die BRD auswandern. Und ins Wolgagebiet könnten sie es nicht? Bisher hat noch niemand die ökonomischen Verluste, viel weniger die moralisch-politischen Verluste berechnet, die durch die Auswanderung der Sowjetdeutschen ins Ausland erwachsen. Und diese Ausgewanderten sind jetzt aus dem Wirtschaftsprozeß unseres Landes schon für immer ausgeschieden. Jedoch werden keinerlei effektiven Maßnahmen ergriffen, außer dem propagandistischen Geschwafel, das bei den Menschen hauptsächlich nur Gereiztheit hervorruft. Und das Resultat? Allein in den sieben Monaten dieses Jahres sind in die BRD 23 000 Personen ausgewandert, nicht mitgezählt diejenigen, die in die DDR ausgewandert sind. (Siehe “Sa Rubeshom" Nr. 37, 1988, S. 6). Wem ist das vorteilhaft, die Sowjetbürger ins Ausland abzustoßen? Wären diese 23 000 in dem schwachbesiedelten Transwolgagebiet wirklich überflüssig?

Ich bin mir sicher: Mit der Wiederherstellung der deutschen autonomen Republik wäre es möglich, nicht nur das Problem der Sowjetdeutschen zu lösen, die historische Gerechtigkeit wiederherzustellen und die Deutschen in den Augen aller Völker der UdSSR endgültig zu rehabilitieren, sondern es könnte auch ein zuverlässiger, garantierter und stabiler Herd für die landwirtschaftliche Produktion in einer schwachbesiedelten Region geschaffen werden, der die Industriezentren an den Wolgaufern Saratow, Wolgograd, Astrachan, im Erdöl-Gasgewinnurngskomplex in der Kaspigegend, Kuibyschew und andere mit Lebensmitteln versorgen würde. Auch die Situation in den Gebieten mit überschüssigen Arbeitskräften in Mittelasien und Kasachstan würde gesunden. Die freigewordenen Arbeitsplätze, insbesondere auf dem flachen Lande, werden die heute überschüssigen Kräfte einnehmen, für die man gegenwärtig extra Betriebe baut.

Es wäre dies auch ein Beitrag zur Idee der Schaffung des gesamteuropäischen Hauses, würde unsere Beziehungen zur BRD verbessern, die das Problem als Vorwand für verschiedene obstruktionistische Handlungen ausnutzt und die wegen dem Zustrom der Übersiedler mit Ihren eigenen Schwierigkeiten, Problemen und Spannungen zu kämpfen hat. In letzter Zelt interessiert auch die Leser der DDR immer mehr die Lage der Sowjetdeutschen, die Perspektive der Wiederherstellung ihrer Autonomie. Ich glaube, die Wiederherstellung der deutschen Autonomie in der UdSSR würde unsere Brudervölker einander noch näher bringen und die Effektivität der westdeutschen antisowjetischen Propaganda für die DDR-Bürger abschwächen.

Zum Schluß möchte ich mich auf die von Friedrich Engels 1872 geäußerten Worte berufen, daß wahrlich nationale Ideen, d. h. Ideen, die den ökonomischen Faktoren in der Industrie wie auch in der Landwirtschaft, den Faktoren, die im jeweiligen Lande vorherrschen, entsprechen, zugleich auch wahrhaft internationale Ideen seien. (Sieh: K. Marx, F. Engels, Werke, Bd. 33, S. 374 russ.)

 

Viktor KRIEGER, Lehrer an der Dshambuler

Technologischen Hochschule

 

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  • Veröffentlicht von Viktor Krieger in der Zeitung “Freundschaft” (Alma-Ata), Nr. 4 vom 6. Januar 1989. Der russischspachige Urtext wurde am 2. Oktober 1988 niedergeschrieben
  • Опубликовано Виктором Кригером в газете «Фройндшафт» (Алма-Ата), № 4 от 6 января 1989 г. Подлинник статьи на русском языке подготовлен 2 октября 1988 г.